Kontrollzwang

“Mein Name ist Susanne und ich bin süchtig nach Pulsuhren.”
So oder so ähnlich müsste ich mich wohl in einer Selbsthilfegruppe vorstellen, in der es darum geht, sich von dieser Technik abzunabeln…
Seit Februar trainiere ich mit solchen Uhren. Es fing damit an, dass ich zunächst meine Herzfrequenz beobachtete, denn zu mehr war die Polar nicht fähig. Und dennoch fand sich mein Blick recht häufig auf der Digitalanzeige wieder. Dann kam der Tag, an dem die Batterie gewechselt werden musste. Also brachte ich sie zum Händler meines Vertrauens und dort bekam ich als Ersatz eine Polar mit Laufsensor! Das fand ich ja klasse. Noch mehr Anzeigen, die man im Auge behalten konnte. So viel Kontrolle! Ich wusste plötzlich, wie schnell ich laufe, wie weit ich laufe und dann war da ja auch noch meine Herzfrequenz! Ein tolles Gefühl, so motivierend, dass ich manchmal wohl gar nicht mehr wusste, ob ich der Zahlen auf dem Display wegen laufe, oder des Laufens wegen … doch was wenn die Technik am Handgelenk einmal versagte?
Mein Lauftagebucheintrag vom 16. April spricht hierzu Bände!
“War genervt, weil der Gurt der Pulsuhr heute leer geworden ist. Konnte meinen Puls nicht überwachen. Dadurch war es mir nicht möglich, den eigentlich geplanten Regenerationslauf zu machen, also ein lockeres Trainingstempo zu finden.”
Sollten hier nicht die Alarmglocken schellen? Ist das nicht zu viel Technikgläubigkeit? Ein ganzer Lauf hinüber, nur weil es mir nicht möglich war, meinen Puls zu überwachen? Pulsuhr futsch – Motivation futsch? Müsste ich nach 26 Jahren in meiner Haut nicht auf mein Herz hören können?
Solche Fragen jedoch stellte ich mir zu diesem Zeitpunkt leider nicht. Ich baute meine Abhängigkeit noch aus, denn von nun an lief ich mit der Forerunner/Garmin, einem GPS Gerät. Protzig schmückte sie nun meine dürren Handgelenke und unterhielt mich mit mehreren Anzeigetafeln, auf denen es kaum einen Wert gab, den ich nicht kontrollieren konnte. Es ist nicht zu leugnen, dass Intervalltraining mit dieser Uhr sehr viel Spaß macht, dass sie sehr nützlich zur Auswertung ist- jedoch beeinflusste mich die ständige Information über mein Tempo dermaßen, dass ich dazu geneigt war, stets einen Schritt schneller oder langsamer zu laufen, wenn der Wert nicht genau mit meinem Zielwert übereinstimmte. Ständige Tempowechsel waren die Folge und im Rückblick schlauchten die wohl mehr, als wenn ich einfach etwas zu schnell gelaufen wäre.
Nicht nur das Wissen darüber, wie schnell man ist, schafft innere Unruhe, auch genau zu wissen, wie weit man noch laufen muss, hat nicht nur Vorteile. Wenn es mal nicht so rund läuft und man bei einem 10 km Lauf an der Anzeige klebt und sieht, wie man sich jeden Kilometer einzeln vorwärts schleppt, dann hat das nicht mehr viel mit Motivation zu tun, das grenzt dann schon an Masochismus.
Gestern Abend war Training angesagt. Allerdings nicht nur für mich, sondern auch für Ricky und es gab nur eine Pulsuhr! Ach du Schreck! Nun saßich da und überlegte, ob ich nicht wegen der fehlenden Pulsuhr das Training ausfallen lassen sollte! Glücklicherweise kam ich zur Besinnung, die darin bestand, dass ich zum Rennsteiglauf auch keine Pulsuhr haben werde! Nun allerdings war es Zeit für mich, dass ich lerne auf mich selbst zu hören, meine Kraft ohne technische Spielerei einzuteilen, denn zum Rennsteiglauf in wenigen Tagen habe ich nur eine Stoppuhr dabei. Ich werde nicht ablesen können, ob ich nun 9 oder 8 Minuten für einen Kilometer brauche und ich werde auch nicht genau wissen können, wie schnell mein Herz schlägt, während ich den Beerberg hoch kraxel’! Na schön, dachte ich mir, dann wird das nun mein Testlauf.
Mit der zur Stoppuhr degradierten Polar am Handgelenk lief ich gemeinsam mit Ricky zum “Trainingsgelände”, dort begann ich meine Runden zu laufen. Ganz ohne technische Hilfe ging es dann doch nicht, denn ich bat ihn zuvor noch, diese eine Runde, die ich immer und immer wieder laufen wollte, für mich auszumessen. Das sei erlaubt, denn zum Rennsteiglauf ist es mir auch möglich zu sehen, wie weit ich noch laufen muss um ins Ziel zu stolpern.
Ricky trainierte seine Intervalle, während ich genüsslich meine Runden drehte. Es ging diesmal nicht darum, dass ich eine genaue Kilometerzahl schaffen wollte, es ging nicht um eine bestimmte Zeit. Mein Ziel war lediglich, dass ich so lange laufe, bis er mit seinem Training fertig ist und dann mit ihm gemeinsam nach Hause auslaufe.
Es war richtig entspannend, mal nicht zu wissen, wie schnell mein Herz schlägt, wie weit ich noch laufen muss und nicht exakt zu wissen, wie schnell ich bin. So vergingen 2 Stunden, bis wir wieder zu Hause waren und erst dort errechnete ich meine zurückgelegten Kilometer. Es waren 15 Stück! Ich bin mir sicher, dass ich mit der Garmin am Handgelenk und der konkreten Vorgabe, diese Distanz zu laufen, alle 2 Kilometer verzweifelt nachgesehen hätte, wenn nicht noch öfter, wie weit es denn noch ist. Aber auch nicht zu wissen, wie schnell ich laufe, war sehr entspannend und so hatte ich am Ende einen Schnitt von 8 Minuten pro Kilometer. Ich bin mir sicher, dass ich mit der Garmin mein Tempo während des Laufs wieder gedrosselt hätte, aus Angst dann hinten einzubrechen. Und meine Herzschläge? Ich fühlte mich während des Laufens gut – das genügte.
Nach drei Monaten Training in Abhängigkeit von irgendwelchen Anzeigen, mit denen nicht ich mich selbst kontrollierte, sondern die mich kontrollierten, war es doch sehr befreiend, einfach mal drauf los zu laufen.
So habe ich nun meine Pulsuhren-Sucht überwunden und bin schon gelassener, was den Lauf am Samstag betrifft. Ich kann es jedem empfehlen, einfach mal ein Stück loszulassen und zu versuchen, mithilfe der eigenen Sinne auf den Körper zu horchen und sich nicht von den Werten der Digitalanzeige versklaven zu lassen. Ich werde weiterhin gerne mit der Garmin laufen, um zu wissen, wie weit ich war und auch bei Intervallen die Geschwindigkeit zu überprüfen, jedoch wird bei normalen Läufen mein Blick wieder mehr durch die Landschaft schweifen, als auf dem Display zu verharren.

20. May 2012